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22.06.2018 - 14:57

Kliniken zwischen Versorgungssicherung, Wirtschaftlichkeit, Qualitätsanforderungen und Personalmangel

Am 8. Juni 2018 im Bayerischen Landtag haben wir ein Fachgespräch Krankenhausplanung neu denken veranstaltet, an dem zahlreiche VertreterInnen der Krankenkassen und Kliniken, Verbände aus dem Gesundheitsbereich, PolitikerInnen Ärzteschaft und WissenschaftlerInnen teilgenommen haben. 

Die Themen war genauso brisant wie emotional - die angespannte finanzielle Situation der bayerischen Kliniken, der Fachkräftemangel, die Überlastung mancher Abteilungen, zu viele teure Operationen, die regional großen Unterschiede in Erreichbarkeit und Qualität sowie die Bürgerproteste aufgrund von Klinikschließungen auf kommunaler Ebene. Welche Lösungsvorschläge sind in einem Flächenstaat wie Bayern sinnvoll und notwendig? Was können wir von anderen Ländern lernen? Wie soll die Bayerische Krankenhauslandschaft in Zukunft aussehen, damit sie den Bedürfnissen der Bevölkerung dient, aber auch finanzierbar bleibt? Gibt es Erfolgsrezepte für eine nachhaltige Gewinnung von Fachpersonal? Dies waren die Schwerpunkte der Podiumsdiskussion und der anschließenden Debatte mit dem Fachpublikum.

Wir GRÜNE sind der Meinung, dass die Krankenhausplanung dringend in mehreren Schritten reformiert werden muss. Das Ziel war deshalb, umsetzbare Lösungen zu finden und mögliche Reformschritte für Bayern zu diskutieren. Dafür haben wir uns qualifizierte Unterstützung geholt. Neben Ulli Leiner, MdL, Sprecher für Gesundheit und Pflege der GRÜNEN Landtagsfraktion, waren auf dem Podium renommierte ExpertInnen, darunter Dr. Jens Deerberg-Wittram, Mediziner und derzeitiger Executive Director der Boston Consulting Group und Gründungspräsident International Consortium for Health Outcomes Measurement (ICHOM) in den USA, zuvor Geschäftsführer und Kaufmännischer Leiter Schön Klinik, sowie Dr. Alexander Geissler, Leiter des Arbeitsbereichs stationäre Versorgung am Institut Management im Gesundheitswesen, TU Berlin, der die Eingangspräsentation gehalten hat. Die Bayerische Krankenhausgesellschaft vertrat auf dem Podium ihr Geschäftsführer Siegfried Hasenbein. NotärztInnen sowie kommunale Kliniken vertrat der derzeitige Leiter des Medizincontrollings in den Kliniken Kempten-Oberallgäu, Herr Dr. Zipperlen, bis 2016 Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Allgäu und bis 2010 Mitglied des Aufsichtsrats Kliniken Oberallgäu GmbH. 

Ulli Leiner, MdL sagte in seiner Einführungsrede: „Auf dem Papier gibt es eine bayerische Krankenhausplanung, in der Realität nicht. Auch die Erreichbarkeit der Kliniken stellt sich als ungenügend dar, da es keine räumliche Planung gibt. Es gibt häufig Parallelstrukturen, die vorgehalten werden und manche Kliniken vor Ort sind für anspruchsvolle Diagnosen nicht gut ausgestattet, was viele Menschen gar nicht wissen.“ Häufig können zum Beispiel kleine bestehende örtliche Kliniken die Anforderungen der Versorgung von Schlaganfall- und Herzinfarkt-Patientinnen und Patienten nicht erfüllen. Die jetzige Krankenhausplanung behebt diese Probleme nicht. Darunter leidet die bayerische Bevölkerung und teilweise die Verantwortlichen in den Kommunen, die für die Sicherstellung der stationären Versorgung Verantwortung tragen. In der Bevölkerung herrscht zudem derzeit der Eindruck vor, es ginge nur um Standortschließungen und ums Sparen. Uns GRÜNEN geht es aber um die BürgerInnen und Bürger. Sie und deren Versorgung stehen an erster Stelle! 

Bereits in ihren Eingangsstatements haben Dr. Geissler und Dr. Deerberg-Wittram das Thema Qualität versus Erreichbarkeit und Qualitätstransparenz der Kliniken angesprochen, die für die BürgerInnen und Bürger sowie oft sogar für die Ärzteschaft schwer zu beurteilen ist. Dr. Geissler hat in seinem Einführungsreferat einen Blick auf Bayern aus anderer Perspektive gegeben und Impulse für eine qualitätsorientierte Krankenhausplanung in Bayern vorgestellt. Er führte aus, dass der Grund für die steigenden Operationzahlen, in der hohen Anzahl an stationären Kapazitäten zu suchen ist, die derzeit in Bayern vorgehalten werden. Über 50 % der Aufnahmen in einer Klinik erfolgen über die überlasteten Notfallaufnahmen, dabei gibt es erhebliche Qualitätsunterschiede zwischen den Kliniken, was sich auch in der Anzahl an Re-Operationen wiederspiegelt. Deshalb ist eine gute Wahl des Krankenhauses entscheidend – dies gilt bei den geplanten sowie auch bei den akuten Fällen, wie Dr. Zipperlen bestätigte. Genau darüber gibt es aber viel zu wenig, leicht zugängliche und 

verständliche Informationen für Bürgerinnen und Bürger, betonte Dr. Deerberg-Wittram. Insbesondere bei schweren Notfällen wie einem Schlaganfall oder bei komplizierten elektiven Eingriffen wie Tumorerkrankungen wurde anhand der Zahlen sichtbar, wie wichtig es für die Gesundheit der BürgerInnen ist, in einer spezialisierten Klinik, bei einem erfahrenen Diagnostiker zu landen, oder von einem erfahrenem Operateur operiert zu werden, wie auch Herr Zipperlen unterstrich. Dies stellt für den Rettungsdienst eine große Herausforderung dar. Hier müssen wir aktiv werden, Qualitätstransparenz und richtige Strukturen in der Krankenhauslandschaft schaffen, die dem Bedarf der BürgerInnen und Bürger entsprechen.  

Auch Dr. Geissler kritisierte die de facto nicht existente Krankenhausplanung in Bayern, die nach wie vor das „Bett“ als Indikator einsetzt und keine Leistungssteuerung ermöglicht oder Erreichbarkeit als Kriterium festlegt und zeigte am Beispiel der Schweiz, dass die Krankenhausplanung auch anders gedacht werden kann: Gewisse Indikatoren bzw. Anforderungen wie Qualität, Effizienz und Erreichbarkeit können im Krankenhausplan festgelegt und mit weiteren Anforderungen wie Personalausstattung oder Verfügbarkeit der technischen Ausstattung sowie Mindestmengen verbunden werden (siehe die PP-P, Verlinkung). Dr. Deerberg-Wittram unterstrich anhand vieler Beispiele die enorme Wichtigkeit einer guten Leistungssteuerung, damit unter anderem auch die Spirale des enormen wirtschaftlichen Drucks sowie des Personalmangels in den Kliniken durchbrochen und den Krankenhäusern und ihrem hochqualifizierten Personal wieder eine gute Arbeit und Entlastung ermöglicht werden. Das Stichwort Arbeitsteilung zeigte sich dabei auch beim herrschenden Personalmangel als wichtig. Denn durch intelligente Arbeitsteilung, differenzierte Ausbildung und dem Einsatz von Digitalisierung könnten Fachkräfte-Probleme in Zukunft erleichtert werden. 

Die Ausführungen der anwesenden Experten bestätigten, wie wichtig eine durchdachte Krankenhausplanung mit mehreren Versorgungstufen und entsprechenden Indikatoren und Anforderungen für die Qualität der Akutversorgung sowie für eine hochspezialisierte medizinische übergreifende Versorgung auch in Bayern wären. Denn im internationalen Vergleich stehen wir bei Komplikationen und Sterblichkeitsrate nicht gut da. Es zeigte sich, dass die Ländlichkeit kein Nachteil ist, sondern eher die Größe und Spezialisierung (und die damit zusammenhängende personelle und medizinisch-technische Ausstattung) für die hohe Qualität und gute Wirtschaftlichkeit der Kliniken ausschlaggebend sind. In solchen Kliniken ist die Patientenzufriedenheit auch höher und die Behandlungsergebnisse deutlich besser.  

Dass die Krankenhausplanung eine hoch komplexe Angelegenheit ist, war spätestens nach den Beiträgen von Ulli Leiner und Siegfried Hasenbein allen klar. Ulli Leiner sagte: „Es darf nicht sein, dass je nach Geldbeutel und Neigung der einzelnen Träger, sowohl der privaten wie auch der kommunalen, darüber entschieden wird, wie in ihrem Wirkungsbereich die Kliniklandschaft ausschaut. Es ist extrem wichtig, BürgerInnen und Bürger gut zu informieren und bei der Entscheidungsfindung mitzunehmen.“ Vorstellbar sind PatientenvertreterInnen im Gemeinsamen Bundesausschuss sowie auch öffentliche Anhörungen zum Krankenhausplan auf Landkreisebene. Der BKG-Geschäftsführer Hasenbein betonte, dass mit der Krankenhausplanung viele Bereiche verbunden sind, die eine bedeutende Rolle spielen und nicht vergessen werden dürfen. Denn Krankenhäuser sind auch unverzichtbare Ausbilder im Gesundheits- und Pflegebereich. Herr Hasenbein betonte auch die zunehmend steigende Rolle der Kliniken im ambulanten Bereich, insbesondere im ländlichen Raum, sowie bei seltenen Erkrankungen. Bei einer Krankenhausplanungsreform muss deshalb zwingend der Rettungsdienst, Gesundheitsberufe-Ausbildung und der regionale Bedarf der Bevölkerung berücksichtig werden. 

Ulli Leiner betonte zum Schluss, dass für uns GRÜNE das alleroberste Ziel eine flächendeckende und qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung für alle BürgerInnen egal ob auf dem Land oder in der Stadt ist und wir GRÜNE dafür sorgen werden. Leiner unterstrich: „Wir wollen eine sektorenübergreifende, noch besser eine sektorenverbindende Landesgesundheitsversorgungsplanung mit einem durchdachten Versorgungsnetz, bestehend aus spezialisierten Netzwerken aus Fachkliniken mit Hightechmedizin bis hin zu wohnortnahen Gesundheitszentren und einer pflegerischen Nachversorgung.“ Wir sind überzeugt, dass die Krankenhausstruktur in Bayern deutlich besser werden könnte, wenn wir eine passgenaue Versorgung, Vernetzung und Spezialisierung umsetzen. Denn die Anzahl der stationären Krankenhausfälle liegt um 50 Prozent über der der meisten EU-Staaten. Die Menschen hierzulande sind aber doch nicht kränker als in anderen Ländern. Sie werden nur nicht immer in der für ihre Diagnose geeignetsten Klinik behandelt, was unnötiges Leid produziert. Das darf und sollte nicht sein.

 

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